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Ein Wiedersehen nach 40 Jahren

Zu Gast bei Marga Hartung

Frau Hartung verstarb wenige Wochen nach diesem Treffen 11.07.2008

 

„…und dann habe ich gleich meinen Sohn und meine Enkel angerufen“, sagte mir Frau Hartung am Telefon. Ausgelöst hatte das Ganze ein Hinweis in der „Leipziger Volkszeitung“ auf unsere Homepage "www.50pos.de". Am 19.02.2008 besuchte ich darauf hin Frau Hartung in Leipzig-Mölkau. Eingeladen waren auch der Lehrer Dr. Dieter Hildemann sowie die Lehrerin Frau Schaper, die aber an diesem Tag verhindert war. Es war ein Wiedersehen nach 40 Jahren. Mir öffnete eine Frau, der man ihre 84 Lebensjahre weder ansieht, noch anmerkt! So konnte auch eine Vielzahl von historischen Fragen zur Schule geklärt werden. Im Oktober 1944, also im letzten Kriegsjahr, begann die gerade mal 20 jährige Marga Werner ihren Beruf als technische Lehrerin an der 50.Volksschule in Leipzig-Kleinzschocher. Sie unterrichtete die Klassen 1– 4 in Deutsch/Mathematik/Sport und Nadelarbeit. Sehr oft wurde der Unterricht unterbrochen. Dann warteten die Schüler und Lehrer im Keller, eng zusammengerückt auf das Ende der Bombardierungen. Durch die Luftangriffe wurde auch eine Turnhalle (Anbau) zerstört. Zwar blieb unsere Schule weitestgehend unbeschädigt, aber keiner wusste danach ob sein zu Hause, die Eltern, Freunde und Geschwister noch existieren? Es war eine Zeit, die heute für Viele nicht mehr nachvollziehbar ist!

 

Zitat: „…Leipzig, eine der größten Städte Sachsens und des Deutschen Reiches, war zum Hauptangriffsziel erklärt worden. Als Messemetropole war Leipzig europaweit bekannt und hatte ebenso als Universitätsstadt und kulturelles Zentrum einen Namen. Nicht zuletzt aber war die Stadt ein wichtiges Industriezentrum. Am 17. April erreichte die 2. US - Infanteriedivision die Stadtgrenze von Leipzig bei Knautkleeberg und Knauthain. Letzten erbitterten Widerstand leisteten SS-Truppen am Völkerschlachtdenkmal, bis auch dies am 19./20. April endete. Der US-Major Keaton wurde zum Stadtkommandanten ernannt. Die Lage in Leipzig war zunächst unsicher. Ehemalige ausländische Zwangsarbeiter, unternahmen aus Rache Raubzüge gegen die Stadtbevölkerung. Die Ruhr trat verstärkt auf, es herrschte eine hohe Kindersterblichkeit. Die amerikanische Besatzungsmacht bemühte sich vornehmlich, das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten, indem sie die Verbindungswege, die Transportmittel und die Versorgungseinrichtungen wiederherzustellen versuchte. Dies änderte sich für Leipzig erst mit dem Einmarsch der Roten Armee am 2. Juli, der für die Bevölkerung freilich recht überraschend kam. Auch eine bessere Flüchtlingsbetreuung war dringend notwendig, da durch den Wegfall der Demarkationslinie verstärkt Menschen in die Stadt strömten.“ Zitat und Foto von www.sachsen.de

 

Bereits während des Krieges hat man Flüchtlinge in unserer Schule untergebracht und betreut, erzählte Frau Hartung. Den Tot eines kleinen Mädchens hat sie bis heute nicht vergessen!
Als nach einer Unterbrechung der Schuldienst wieder aufgenommen wurde, war auch Marga Werner mit dabei. Es gab kaum etwas zum Essen, weder Lehrer noch Schüler waren dadurch in guter Verfassung. Irgendwann, so erinnerte sich Frau Hartung, bekamen alle Schüler täglich eine dunkle Roggenmehlsemmel. Diese wurden „genau nach Vorschrift verteilt“, nicht anwesenden Schülern wurde die Semmel nach Hause gebracht. Tja, die Lehrer mussten zuschauen, sie bekamen diese Zuteilung nicht. Not machte auch erfinderisch. So bekam Frl. Werner den Auftrag, in einem Klassenzimmer gegenüber der Hausmeisterwohnung eine Seidenraupenzucht zu betreiben. Deshalb pflanzte man im Schulgarten extra Maulbeersträucher an. Die Seide wurde verkauft und so hatte die Schule eine kleine Einnahmequelle.
1948 lernte Marga Werner ihren Mann, Gerhardt Hartung kennen, der gerade aus englischer Kriegsgefangenschaft kam. Sie heirateten noch im gleichen Jahr. Herr Hartung interessierte sich ebenfalls für den Lehrerberuf und machte an der „Arbeiter und Bauernfakultät“ sein Diplom. Frau Hartung qualifizierte sich zur Unterstufenlehrerin, bekam 3 Kinder und hat bis heute 5 Enkel und 4 Urenkel. 1969 wechselte sie als stellvertretende Direktorin an die 52. Oberschule.
Wir wünschen Frau Hartung für Ihren weiteren Lebensabend vor allem Gesundheit. Sie hat mitgeholfen, vielen ehemaligen Schülern den schwierigen Weg ins Leben zu ebnen. Dafür danken wir ihr noch heute!

Roland Körnig 02/2008

 

Frau Hartung und Dr. Dieter Hildemann im Gespräch

 

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